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"Vor
langer Zeit geschah es in Arnhemland, dass
zwei junge Schwestern auf der Suche nach
Nahrung von einem bösen Riesen gefangen,
und zu seiner Wohnstätte verschleppt
wurden. Die beiden waren sehr unglücklich
darüber, dass der Riese sie als seine
Frauen nahm, aber es gab keine Möglichkeit
zur Flucht. Nach einiger Zeit jedoch, während
der Riese auf der Jagd war, gelang es ihnen
zu entkommen, und sie kehrten nach Hause
zurück. Der böse Riese aber bemerkte
nach seiner Rückkehr den Verlust, und
weil es nicht leicht war, so schöne
Frauen zu finden, beschloß er, die
beiden zu suchen und zurückzubringen.
Die Stammesältesten, die voraussahen,
was passieren würde, trafen die Entscheidung,
dem Riesen eine Falle zu stellen, und so
gruben sie ein großes Loch, und als
der Riese erschien, waren die Frauen der
Köder, um ihn zu fangen. Sofort nachdem
sie ihn gefangen hatten, spickten sie ihn
mit so vielen Speeren, dass er wie ein Stachelkschwein
aussah. Während er sich vor Schmerzen
wand, begann er auf seinem Penis zu blasen,
und es entstand ein merkwürdiges Geräusch,
von dem die Ältesten so begeistert
waren, dass sie es imitieren wollten. Als
sie aber bemerkten, dass sie es nicht vermochten,
gingen sie in den Busch und fällten
einen großen Baum, dessen Kern von
Termiten ausgefressen worden war. Sie begannen
durch das Loch hindurchzublasen, und es
entstand dasselbe Geräusch wie das
des bösen Riesen, und von diesem Tage
an benutzten sie das "Didjeridu"
bei ihren Gesängen und Tänzen."
Das Didgeridoo, das archaische Instrument
der australischen Ureinwohner, ist das einzige
nicht von Menschenhand erzeugte (Blas-)
Instrument. Es wurde ursprünglich nicht
in ganz Australien gespielt. Nur in einem
relativ kleinen Gebiet Nordaustraliens,
nämlich in Arnhemland und in dem Kimberleys
trafen die beiden wichtigsten Komponenten
für die Existenz des Didgeridoo zusammen.
Didjeridus entstehen nämlich aus Eukalyptusbäumen,
durch Hohlfraß von Termiten, und die
soeben genannten Gegenden sind sowohl von
einer Unmenge an Termitenhügeln wie
auch von Eukalyptuswäldern übersät.
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Von
allen Eukalyptusarten werden folgende bevorzugt
hohlgefressen: Bloodwood, Stringy-Bark,
Woolybutt, Boxwood und Mallywood. Alle diese
Baumarten sind zwar Eukalyptusarten, sie
unterscheiden sich aber nicht nur in ihrer
Form, sondern auch in ihrer Beschaffenheit,
was sich auf die Klangeigenschaften und
auf die Bespielbarkeit auswirkt.
Bloodwood:
Ist von der Farbe mittelbraun bis beige
mit einem roten Kern. Das Harz sieht aus
wie getrocknetes Blut, deswegen der Name.
Es ist ein relativ weiches Holz im Gegensatz
zu Stringy-Bark und Boxwood und hat daher
einen warmen, breitflächig-schnurrenden,
obertonreichen Klang.
Stringy-Bark:
Ist von der Farbe hellbeige mit rotem Kern.
Es ist ein dichter strukturiertes Holz als
Bloodwood und hat daher einen kristallineren,
reineren Klangcharakter, mit klar definierten
Obertönen.
Diese beiden Hölzer ergeben wohl die
besten Didjeridus und haben den mit Sicherheit
ansprechendsten Toncharakter – alle anderen
Holzsorten tendieren mehr in diesen oder
jenen Bereich. Trotzdem hat jedes Didjeridu
seine Eigenarten, da jeder Baum anders gewachsen
und in unterschiedlichem Maße hohlgefressen
worden ist.
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Die
Unregelmäßigkeit des Fressganges
hat Auswirkungen auf die Klangqualität
und ist somit ein Charakteristikum eines
jeden Original-Didjeridus. Wichtig für
den Klangcharakter ist aber nicht nur der
Durchmesser des Fressganges, sondern auch
die Holzdicke. Diese beiden Faktoren sind
die Ursache für einen oder mehrere
Eigentöne ( durch Klopfen hörbar
), die wiederum für die Resonanz bedeutend
sind. Das Resonieren der Eigentöne
hebt bestimmte Frequenzbereiche an, die
als Formanten bezeichnet werden. Sie sind
bedeutend für die Ausbildung der Obertöne
( Anzahl, Intensität ), wodurch die
Klangfarbe eines Tones charakterisiert wird.
Ein als Ton wahrnehmbarer Schwingungsvorgang
besteht nämlich nicht nur aus einer
Sinusschwingung, sondern auch aus ihren
aliquoten Anteilen. Diese Teilschwingungen
können als Teiltöne gehört
werden. Sie sind von großer musikalischer
Bedeutung.
1.) Die Teil ( Ober-) töne bilden,
ähnlich dem Licht, das aus abgestuften
Spektralfarben zusammengesetzt ist, eine
Reihe, in der die für die Harmonie
wichtigsten Intervalle auftreten. So liegt
über dem Grundton seine Oktave, deren
Quinte, eine zweite Oktave, deren große
Terz etc. Die Räume zwischen den Obertönen
werden somit im Sinne einer arithmetischen
Reihe beständig kleiner.
2.) Ein gänzlich obertonloser Ton ist
ausdruckslos, dünn und ohne Eigenkraft
– also nicht natürlich ( wie die elektronisch
erzeugte Sinusschwingung ). Ein Ton jedoch,
der eine zu große Zahl und zu stark
hervortretende Obertöne besitzt, wird
von diesen zu sehr überlagert – er
klingt diffus und verliert seinen Charakter
( z.B.: schlechte Glocken).
Dem
Didjeridu einen Platz in einer bestimmten
Instrumentengruppe oder –art zuzuweisen,
wäre aufgrund seiner Einzigartigkeit
wohl falsch, aber es ist auf jeden Fall
ein Blasinstrument, auf dem Obertöne
exakt angespielt werden können, das
rhythmisch gespielt werden kann und das
eine Verwandtschaft zu der Gruppe der Borduninstrumente
hat. Die Technik der Erzeugung des Borduns
am Didjeridu ist einzigartig, da er durch
die sogenannte Zirkularatmung mit entspannten
Lippen erzeugt wird ( im Gegensatz dazu
werden Blechblasinstrumente mit gespannten
Lippen geblasen ). Wie beim Dudelsack die
Blasebalgtätigkeit den Dauerton erzeugt,
so werden beim Spielen des Didjeridu die
Wangen dazu benutzt. Sämtliche Didjeridu-Rhythmen
unterliegen dieser Tätigkeit und entstehen
aus ihr.
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Ein
Aboriginal soll einmal erzählt haben,
nachdem man ihn gefragt hat, wie er Visionen
lebt und über das Didgeridoospielen
ausdrückt:
"Wenn
ich des Summen einer Biene höre, versuche
ich es mir in allen Einzelheiten einzuprägen.
Dann spiele ich es so genau als möglich
auf dem Didjeridu nach, wodurch der Körper
der Biene in seiner ursprünglichen
Traumzeitform entsteht. Daraufhin löse
ich gedanklich mein Körperbewusstsein
auf und werde zum Summen der Biene. Dadurch
trete ich in ihren Körper ein und fliege
darin fort, und das einzige, was mich wieder
zurückbringt in diese Welt, ist das
bewusste Atmen beim Spielen des Didjeridu."
In den Liedern der Aborigines spiegelt der
Rhythmus – der ausschließlich aus
nicht periodisch verlaufender Polymetrik
besteht – die Vielzahl der Pulsationen der
Natur wider ( z.B.: Tag – Nacht, wiederkehrende
Regenzeiten, Geburt – Tod etc. ). Durch
Rituale, die aus Gesang und Tanz gestaltet
werden, stärken sie ihre Einheit mit
der Umgebung. So wird die bereits erwähnte
Tierstimmenimitation ( Kookaburra, Didngo,
Bullfrog, Emu,...) als Möglichkeit
benutzt, um sich selbst mit dem jeweiligen
Tier auf geistiger Ebene zu vereinen. Das
sonore Summen des Didjeridu entzieht sich
Begriffen wie Zeit und Raum, da es stetig
ist. Es ist nicht-dual, da es der Dualität
des Ein- und Ausatmens nicht unterworfen
ist. Sämtliche Obertonmelodien, Tierlaute
und sonstige Klänge entspringen und
vergehen in dieser Nicht-Dualität,
die den Ursprung aller Dinge symbolisiert,
dem alles auf dieser Welt unterworfen ist.
Wie würden nun aber westliche Menschen
das älteste Blasinstrument der Welt
spielen? Wie wollen wir mit einem den Aboriginalstämmen
heilgen Instrument, welches direkt in Trance
frühren kann, umgehen? Ist es nicht
Ironie, ein Instrument zu spielen, welches
den Einklang verkörpert, während
wir schon vor langer Zeit aufgegeben haben,
den Einklang mit der Natur zu wahren?".
Diese Fragen lassen ein komplexes Gefüge
entstehen, in dem wir erkennen müssen,
dass wir niemals das Mysterium " Didjeridu"
mit unseren Maßstäben erklären
können.
Jedoch ist der Ausdruck unserer eigenen
Persönlichkeit – die einen Eindruck
in unserer Umgebung vermittelt – die Möglichkeit,
mit dem Wesen des Didjeridu zu verschmelzen
und sich dadurch für andere Bewusstseinszustände
zu öffnen. Da der Zugang zu Trancezuständen
aber erst durch das Aufgeben jeglicher Ambitionen,
in diese zu kommen, ermöglicht wird,
ist es für jeden Didjeriduspieler wichtig,
sowohl seinem gesamten Potential beim Spielen
als auch dem erzeugten Klang mit wahrnehmender,
passiver Haltung seine volle Aufmerksamkeit
zukommen zu lassen. Dies bedingt eine in
seiner eigenen Mitte verankerte Konzentration,
um den scheinbaren Widerspruch von Aktivität
und Passivität zuzulassen.
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Der
Grundton
Jedes Blasinstrument benötigt
ein technisches Hilfsmittel, um die
Luftsäule in seinem Inneren anzuregen.
Bei den Flöten verursacht ein
Winkel – oder eine seitliche Lippenstellung
– eine Spaltung der Eintrittsluft
und verursacht so einen Ton. Bei den
Rohrblatt- oder Doppelrohrblattinstrumenten
( Saxophon, Schalmeien etc. ) übernimmt
ein Rohrblättchen diese Aufgabe.
Interessant ist, dass hier das Didjeridu
auf die einfachste, unkomplizierteste
Lösung zurückgreift – das
Schwingen der menschlichen Lippen.
Obertöne
Um
die über dem Grundton liegenden
Obertöne erreichen zu können,
bedient sich der Didjeriduspieler
folgender Techniken, die eines gemeinsam
haben: Es sind minimale, schwer kontollierbare
Bewegungen des Mund- und Rachenraumes.
Zungenstellungen:
Einer der Hauptunterschiede zwischen
dem Didjeriduspiel der Aborigines
und unserem ist, dass Rhythmen am
Didjeridu gesprochen werden, wobei
sich die Aboriginal-Sprachen einer
anderen Abfolge der Silbenreihung,
wie auch deren Entstehung bedienen.
Ähnlich der Maultrommel werden
mit den aus der Sprache sich ergebenden
Zungenstellungen eine Vielzahl von
Obertönen gewonnen. In unserer
Sprache sind vor allem folgende Silben
und Laute wichtig: Ji, Je, Ja, Ju,
O, Ä, N, S, L.
Wangenbewegungen:
Durch
das Einnehmen von verschiedenen Aufblaspositionen
der Backen können bestimmte Obertöne
erklingen. Demnach können durch
gezieltes Obertonspiel Rhythmen belebt
und Klangcharakteristiken verändert
werden. Zum Teil wird auch im Zusammenspiel
mit Melodieinstrumenten ein die Melodie
unterstützendes Begleitspiel
möglich – vergleiche das Bodhranspiel
in der irischen Folklore.
Das
Didgeridoo in der westlichen Musik
Welche
Möglichkeiten bestehen, unsere
eigenen westlichen Musikpraktiken
und –lehren in die des Didjeridu einfließen
zu lassen.
1.) RHYTHMISCHE
ELEMENTE:
Es können Phrasen mit melodischem
Charakter ( Auftakt, Anfang – Höhepunkt
– Schluß, dynamische Bögen
über mehrere Takte, Frage – Antwort,...
) aber auch stark synkopierte Rhythmen
wie indische Tihais ( = Hemiolenformen
) am Didjeridu umgesetzt werden.
2.) SCHWERPUNKTE
UND AKZENTE:
Können mit bestimmten Dynamik-
bzw. Klangfarbenvariationen gesetzt
werden.
3.) KLANGFARBENVARIATIONEN:
95%
der gesamten Möglichkeiten für
die Klanggestaltung liegen in diesem
Bereich.
4.) FORM UND
SYMMETRIE:
Jeder Rhythmus kann mit klassischen
Formen ( z.B.: Spiegelung ) gebildet
und ausgearbeitert werden.
Dies ist nur eine Auswahl der nahezu
unbegrenzten Möglichkeiten, um
den Klang des Didjeridu zu gestalten.
Durch eine solche Verwendung lässt
es musikalische Ausdrucksformen zu
und bleibt dennoch ein Improvisationsinstrument.
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Dieser
Artikel wurde 1997 in dem deutschen
Musikmagazin 'Musikblatt' und 1998
in dem österreichischen Worldmusic-magazin
'PanArts-Magazin' unter dem Namen
"Didjeridu - Das Klang und Phallussymbol
der Traumzeit" veröffentlicht.
© bei
den Autoren: Bernhard Mikuskovics
& Wolfdietrich Janscha
Alle Rechte vorbehalten!
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